Anwälte die bewegen: Valentina Philadelphy-Steiner

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Valentina Philadelphy-Steiner im Interview
Valentina Philadelphy-Steiner im Interview

Die Wiener Rechtsanwältin Valentina Philadelphy-Steiner, spezialisiert auf Familienrecht, Immobilienrecht sowie Nachlassplanung, hat 2020 in der Biberstrasse 3 ihre eigene Kanzlei gegründet. Das Private Wealth & Family Business Service der Kanzlei umfasst u.a. Beratung zur Vermögensaufteilung und -weitergabe bei Trennungen, Todesfällen und Betriebsübergaben.

Sie haben vor über einem Jahr Ihre eigene Kanzlei gegründet. Weshalb dieser Schritt?

Bevor ich den Schritt in die Selbständigkeit gemacht habe, war ich in großen Wirtschaftskanzleien im Unternehmens- und Immobilienrecht tätig. Das hat mir auch immer Spaß gemacht. Während der Betreuung langjähriger Mandanten, wozu auch große und mittelgroße Unternehmen zählten, ergaben sich immer öfter Situationen, in denen rechtliche Unterstützung im Familienrecht erforderlich war. Ein Geschäftsführer ließ sich scheiden, ein Mitarbeiter des Mandanten benötigte Unterstützung in einem Unterhaltsverfahren mit seiner Ex-Frau, ein anderer Mitarbeiter benötigte einen Ehevertrag. Ich habe mich daher über immobilienrechtliche Fragestellungen immer mehr mit familienrechtlichen Themen beschäftigt und umfassende Expertise in diesem Bereich aufgebaut. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich ausschließlich der umfassenden Betreuung von Private Clients mit deren diversen familienrechtlichen Anliegen widmen wollte.

Wie sind Sie eigentlich Rechtsanwältin geworden? Sind Sie vorbelastet?

Ich komme aus einer Ärztefamilie und bin mit der Sprache der Medizin aufgewachsen. Ursprünglich wollte ich auch in diese Richtung gehen und habe nach der Matura mit dem Medizinstudium begonnen. Ich entschied mich schlussendlich dafür, nicht am offenen Herzen zu operieren, sondern den Menschen auf andere Art und Weise zu helfen.

Ich hatte schon immer mit Begeisterung diskutiert und mich für andere eingesetzt. Damit war das Jusstudium naheliegend, wo ich ebenso die Möglichkeit sah, einen Unterschied zu bewirken.

Was war Ihr besonderes Highlight?

Wir müssen hart verhandeln, überzeugende Argumente liefern und gleichzeitig die besten Zuhörer sein. Jede Causa ist anders und kein Tag wie der andere.

Erst kürzlich fragte ein Mann um rechtliche Vertretung bei mir an. Er war einige Jahre zuvor in einem Scheidungsverfahren die Gegenpartei gewesen und kontaktierte mich nun anlässlich seiner zweiten Scheidung mit den Worten: „Meine Ex-Frau war damals gut vertreten. Ich möchte Sie als Rechtsvertretung lieber auf meiner Seite als auf der Gegenseite haben.“

Welche Ziele haben Sie noch vor Augen?

Unsere Kanzlei wächst von Beginn an kontinuierlich. Demnächst eröffnen wir eine Sprechstelle in Innsbruck. Ziel ist der weitere Ausbau unseres Teams. Das Wachstum soll aber behutsam und wohlkontrolliert erfolgen, sodass die gute, persönliche Klientenbeziehung, die für mich immer oberste Priorität war, weiterhin gewährleistet ist. Wir betreuen Menschen und keine Causen.

Was liegt ihnen als Kanzleigründerin besonders am Herzen?

Ich engagiere mich seit Jahren im Bereich der Mediation und und bin seit letzten Sommer auch Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Mediation.

Einvernehmliche, die Bedürfnisse und Interessen aller Betroffenen – insbesondere etwaiger Kinder – optimal berücksichtigende Lösungen sind erfahrungsgemäß oft tragfähiger und für die Konfliktparteien langfristig zufriedenstellender als so mancher Pyrrhussieg vor Gericht. Der konstruktive Zugang ist mir ein persönliches Anliegen in der Beratung meiner Mandanten.

Diesen gesamtheitlichen Ansatz habe ich in meiner eigenen Kanzlei zum Leitbild erhoben.

Ihr Team ist ausschließlich weiblich – Absicht?

Diese Frage wird mir regelmäßig gestellt. Offensichtlich fällt das auf. Mein Team ist absichtlich einzigartig aber nicht absichtlich weiblich.

Ich habe den Eindruck, dass das Interesse für Familienrecht in der Praxis bei Kolleginnen größer ist als bei Kollegen. Das alleine kann aber meines Erachtens den hohen Frauenanteil im Team nicht erklären, zumal wir in unserer täglichen Arbeit ja nicht nur mit Eherecht, Obsorge und Vermögensaufteilung befasst sind, sondern Familien gesamtheitlich betreuen, etwa auch in Sachen Nachlassplanung und Testament, Familienunternehmen und den damit verbundenen Themen wie Immobilien, Unternehmensnachfolge, Vermögensverwaltung und Stiftungen. Ein Menschenleben ist eben nicht nur einem einzelnen Rechtsgebiet zuordenbar.

Was unsere Kanzlei für Frauen besonders attraktiv macht, ist, dass ich bewusst ein Arbeitsumfeld geschaffen habe, das die Verbindung von Beruf und Familie tatsächlich und ehrlich ermöglicht. Dafür wurden wir auch bereits mit dem Women in Law Award als beste Rechtsanwaltskanzlei 2021 ausgezeichnet. Ich selbst habe eine noch sehr kleine Tochter, mit der ich Zeit verbringen möchte. Karriere und Familie müssen nicht ein Entweder-oder sein. Wenn man es ernsthaft möchte, kann man beides sehr gut unter einen Hut bringen. Dabei liegt eine große Verantwortung auch beim Arbeitgeber. Dieser Verantwortung habe ich mich erfolgreich gestellt.

Im Grunde ist unsere Kanzlei als Arbeitgeber aber für Männer genauso attraktiv wie für Frauen.

Wie sieht aus Ihrer Sicht der Anwaltsberuf der Zukunft aus – der virtuelle Anwalt, oder wo ist Persönlichkeit auch in Zukunft gefragt?

Legaltech ist allgegenwärtig. Es gibt eine Bandbreite beeindruckender Programme, die unseren Beruf heutzutage bei der Vertragserstellung oder auch der Judikaturrecherche unterstützen und Arbeitskraft sparen. Auch wenn damit sehr viel innovativ umgesetzt wird, optimiert und auch beschleunigt werden kann, glaube ich, dass sich der virtuelle Anwalt – wenn überhaupt – eher in Bereichen wird etablieren können, in denen standardisierte und im Wesentlichen gleichbleibende Prozesse vorkommen.

In meinem Tätigkeitsbereich stelle ich täglich fest, dass es kaum vergleichbare Fälle gibt. Jede Causa ist einzigartig. Ich berate in Angelegenheiten, die das tägliche Leben betreffen und somit in stetigem Wandel begriffen sind. Die persönliche Betreuung ist daher unumgänglich und nicht ersetzbar. Dies gilt umso mehr für den Bereich, in dem wir als Vertrauensanwalt tätig sind. Ein persönliches Gespräch, ein offenes Ohr und ein Ratschlag von Mensch zu Mensch wird in diesem Bereich niemals durch eine virtuelle Lösung ersetzt werden können.

Wie entspannt sich eine engagierte Anwältin in der eigentlich wenigen Freizeit?

Ich komme ursprünglich aus Tirol. Da liebt man genetisch bedingt die Berge und beim Wandern bekommt man den Kopf frei und hat gleichzeitig gute Einfälle. Ein idealer Ausgleich.

Danke für das Interview.

Flower