Covid & Ukraine-Krise: Haftungsfragen, Restrukturierungsprozesse & Insolvenzen

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Clemens Jaufer und Mario Leistentritt in Interview
Clemens Jaufer und Mario Leistentritt in Interview

Die Coronakrise bzw. Pandemie hat nach zwei Jahren einen Punkt erreicht, an dem zu erkennen ist, dass die auf unterschiedlichsten Ebenen an die Wirtschaft gerichteten Unterstützungsmaßnahmen den Zweck hatten, den großen Crash bzw. eine Insolvenzwelle zu verhindern. Nun wird die Situation durch einen Krieg in Europa verschärft. Die Insolvenz- und Restrukturierungsexperten Clemens Jaufer und Mario Leistentritt beleuchten die aktuelle Situation und beantworten die wichtigsten Fragen.

Jaufer: Von staatlicher Seite wurde versucht, einen wirtschaftlichen Flächenbrand aus der Corona-Krise heraus zu verhindern. Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die Fördermaßnahmen entweder am Auslaufen oder teilweise schon ausgelaufen oder aber in der Rückzahlungsphase sind. Nun kommt genau dieser Übergang in die normale Phase, die wirkliche Bewährungsprobe, jetzt zeigt sich ob diese Maßnahmen wie z.B. Fixkostenzuschuss, Verlustersatz oder auch Kurzarbeit überhaupt langfristig sinnvoll waren.

Clemens Jaufer: Aufgrund der Unsicherheiten nimmt der Bedarf an Managementbegleitung zu.
Clemens Jaufer: Aufgrund der Unsicherheiten nimmt der Bedarf an Managementbegleitung zu.

Viele Unternehmen mussten sich staatliche Förderungen bis zu deren Genehmigung sogar selbst vorfinanzieren und warteten auf Zuzahlungen die in der Höhe nicht zu definieren bzw. vom Auszahlungszeitpunkt nicht einordenbar waren. Dies bedurfte entsprechender Rücklagen. Die potentiellen Förderungsansprüche haben letztendlich keinen Bonitätswert gegenüber den Banken, weshalb daraus auch keine Krediterhöhungen möglich waren. Dies hat dann teils auch bereits zu Insolvenzen geführt; In einem Insolvenzverfahren werden die beantragten Förderungen aber wiederum nicht ausbezahlt bzw. gewährt.

Was hat sich im Laufe der Krise für Sie als Krisenmanager geändert?

Jaufer: Unser Kerngeschäft, also das klassische Krisenberatungsgeschäft für Unternehmen, hat sich etwa ab Beginn der Corona-Krise schlagartig gedreht, weg von der Beratung des Unternehmens an sich, zu einer echten Managementbegleitung. Dies eben infolge der Unsicherheiten, die im Management bzgl. Planung, Geschäftsmodell, Sorgfaltspflichten etc. entstanden sind.

Leistentritt: Abgaben und Sozialversicherungsbeiträge wurden großzügig gestundet und es wurden aufgrund von Hilfspaketzusagen Vorleistungen von Lieferanten angenommen, die dann wegen Ausbleiben der Förderungen nicht mehr bedient werden konnten. Dadurch besteht in der Folge natürlich die Gefahr des Haftungsdurchgriffes der Gläubiger gegenüber dem Geschäftsführer.

Ist unser Insolvenzverfahren nicht krisenfest?

Jaufer: Das Insolvenzrecht an sich ist krisenfest und funktioniert. Für Unternehmen, also unsere potenziellen Kunden, wirkt es effizient, da wir eigentlich über ein zweistufiges Modell verfügen. Wir haben ein unternehmensfreundliches Sanierungsverfahren, das im Insolvenzverfahren eingebettet ist und dazu eine gut funktionierende außergerichtliche Restrukturierungskultur vorgeschaltet. Überall wo professionelle Stakeholder aufeinandertreffen, also man es mit institutionellen Investoren oder langfristigen Finanzierungspartnern zu tun hat, sind individuelle Lösungen immer einfacher und schneller zu verhandeln, wenn die Grundlagen dafür im Unternehmen vorhanden sind.

Hier ist die außergerichtliche Restrukturierung bzw. Sanierung sicherlich das optimale Gegenstück, um eine breite Palette anbieten zu können und wir denken, dass es prinzipiell für jedes sanierungsfähige Unternehmen auch die passende Sanierungsmöglichkeit gibt.

Mario Leistentritt: Als Krisenanwalt muss man Rechtsberater, aber auch „Unternehmensversteher“ sein.
Mario Leistentritt: Als Krisenanwalt muss man Rechtsberater, aber auch „Unternehmensversteher“ sein.

Leistentritt: Das österreichische Insolvenzrecht und die Restrukturierungslandschaft sind „krisenfest“, aber natürlich auf die Lösung individueller Krisen von Unternehmen ausgerichtet. Damit stößt das System an seine Grenzen, wo man es mit einer globalen Wirtschaftskrise zu tun hat. In einer solchen Situation muss der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen anpassen. Dass die Überschuldung als Insolvenzeröffnungsgrund ausgesetzte wurde, war sicher eine erste notwendige Maßnahme, ist aber bei manchen Unternehmen einfach falsch – nämlich als generelles Aussetzen der Insolvenzantragspflicht – verstanden worden. Die Haftungsfolgen sind letztendlich aber weitgehend geblieben und damit wird man auch in den nächsten Jahren noch sehen welche Folgen aus der Pandemie und den gesetzten Maßnahmen resultieren.

Welche Tipps würden Sie Unternehmern aus den Erfahrungen dieser Pandemie geben?

Jaufer: Das eigene Geschäftsmodell und die Rahmenbedingungen regelmäßig zu hinterfragen und auf die Gegebenheiten anzupassen, die gerade oder in naher Zukunft wirken. Sich zu fragen: Wo stehe ich mit meinem Unternehmen und mit dessen bisheriger Ausrichtung im Markt? Gibt es Bereiche, die ich drehen muss, um zu über- bzw. weiterzuleben?

Leistentritt: Eine gewissenhafte Planung, Vorausschau und Budgetierung sind notwendige Instrumente, um in ad hoc auftretenden Krisen am Markt besser bestehen zu können.

Thema Ukraine / Russland?

Jaufer: Die Ukrainekrise hat im Gegensatz zur Pandemie als eine punktuelle, regional begrenzte Krise begonnen, also eine Krise die individuell bewältigt werden kann, wenn man seine „Hausaufgaben“ einigermaßen gemacht hat und sofern man Risiken gestreut hat und nicht etwa 80 oder 90% des Geschäftes langfristig in den betroffenen Regionen gebündelt hat. Zu beobachten ist nun, wie dieser Konflikt sich – besonders über die Energie- und Rohstoffproblematik und den Geldmarkt – zu einer globalen und nachhaltigen Krise auswächst.

Leistentritt: Unternehmen wie z.B. teilweise aus der Nahrungsmittelindustrie, die auf diese Gebiete und Lieferketten angewiesen sind, haben hier relativ rasch ein eher individuelles, aber extenzielles Problem. Hier kann man sich nur in die auf individuelle Unternehmenskrisen ausgerichtete Hand des gerichtlichen Insolvenzrechtes begeben.

Ist in derart kurzfristig auftretenden Situationen eine anwaltliche Konsultation notwendig?

Jaufer: Unbedingt, absolut und zeitgerecht. In jeder Branche hat die Ukrainekrise eine andere Auswirkung und ist wegen der in Bezug auf Dauer und Intensivität unsicheren Kriegssituation noch immer schwer einzuschätzen. Umso wichtiger ist auch eine laufende, auch rechtliche, Überprüfung des Status quo.

Leistentritt: Unternehmen, die eng geschäftlich mit Russland oder der Ukraineverbunden sind, haben in Bezug auf wirtschaftsrechtliche Beratung sicherlich einen dringenden Handlungsbedarf – Stichwort: Sanktionen, Veränderung des Marktes und Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell. Insoweit merken wir auch jetzt wieder, das betroffene Unternehmen aufgrund der Unsicherheiten und nötigen Risikoabwägung verstärkt Managementberatung in Anspruch nehmen.

Wie ändert sich das anwaltliche Berufsbild und die Anforderungen an Berufseinsteiger? Entwickelt sich in Ihrem Geschäftsfeld der Anwalt zum Unternehmensberater?

Leistentritt: Eine betriebswirtschaftliche Ausbildung steht neben rechtlich fundiertem Wissen im Fokus. Wir prüfen genau bei unseren Bewerbern, ob sie bereits über eine kernbetriebswirtschaftliche Ausbildung verfügen, wie Buchhaltung und Bilanzierung bzw. einfach eine Affinität zu Zahlen besitzen. Der Weg zum Krisenberater ist lange und deswegen bilden wir unsere Mitarbeiter auch gerade in diesen Bereichen laufend aus. In gewissem Rahmen sind auch Führungsqualitäten und das Verständnis für Führungsaufgaben wichtig. Ich denke nicht, dass man damit schon zum betriebswirtschaftlichen Unternehmensberater wird, man muss in unserem Geschäftsfeld neben Rechtsberater aber sicher auch Unternehmensversteher sein.

Jaufer: Es wird in der Zukunft immer wichtiger sein, profundes Wissen verschiedener Disziplinen zu vereinen. Unternehmenssanierung und Restrukturierung ist ein sehr breites Feld an spezifisch erforderlichem Know-how. Alles kann man nicht intern abdecken, daher arbeiten wir national und international mit anderen Beratern eng zusammen. Dort wo uns das Projektmanagement bei Unternehmensrestrukturierungen überantwortet wird, sehen wir uns unter Beiziehung der nötigen anderen Know-how-Träger als One-Stop-Shop in der Krisenberatung oder Restrukturierung von Unternehmen.

Danke für das Interview

Interview, Fotos: Walter J. Sieberer

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