Digitalisierung, Legal Tech, No-Code und die Auswirkungen auf die Zukunft des Rechtsanwaltsberufs

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Dr. Stephan Verdino, Rechtsanwalt und Legal Engineer
Dr. Stephan Verdino ist Rechtsanwalt und Legal Engineer in Wien

Die Digitalisierung bzw. Legal Tech hat bedeutenden Einfluss auf die Zukunft des Rechtsanwaltsberufs. Wird die Rechtsanwältin bzw. der Rechtsanwalt der Zukunft noch genug Arbeit haben? Wir haben dazu Dr. Stephan Verdino, Rechtsanwalt und Legal Engineer in Wien die wichtigsten Fragen gestellt.

Wie ist es Ihrer Einschätzung nach um das „Schicksal“ der Rechtsanwältin bzw. des Rechtsanwalts bestellt? Werden diese in Zukunft noch genug Arbeit haben?

Ja! Aus meiner Sicht definitiv!

Bei vielen Rechtsanwält:innen erzeugt der Begriff Legal Tech (Legal Technology) Angst und Sorge, was aber nur bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist. Viele Sorgen sind unbegründet und Panikmache fehl am Platz ist. Aber natürlich hat Legal Tech Einfluss auf die Art juristisch zu arbeiten. Legal Tech ist längst Gegenwart und bietet enorme Chancen und meiner Einschätzung nach mehr Chancen als Gefahren. Es gibt für jede Kanzlei – egal welche Größe diese hat – Möglichkeiten, sich diesem Thema positiv zu stellen und dadurch Effizienzsteigerungen im eigenen Kanzleibetrieb zu bewirken oder deren Wissen ins Digitale zu transformieren durch eigene digitale Rechtsdienstleistungen. Also eine Beschäftigung mit dem Thema ist meiner Meinung nach unbedingt zu empfehlen und uneingeschränkt sinnvoll.

Wo wird sich Legal Tech bemerkbar machen?

Es kommt sicher wesentlich darauf an, wie man strukturiert ist bzw. wie groß eine Kanzlei ist. Darüber hinaus ist natürlich auch die Spezialisierung wesentlich. Dabei gilt der wenig überraschende Grundsatz: Je rechtlich komplexer und individueller, desto kleiner; je standardisierter und wiederkehrender, desto wahrscheinlicher ist es, dass möglicherweise wirtschaftlicher Druck auf bestimmte rechtsanwaltliche Geschäftsfelder entstehen wird. Vieles an Legal-Tech-Lösungen ist bereits Realität, wenn man sich die Legal Tech Map 2022 von Future-Law ansieht, die den aktuellen Stand österreichischer Legal-Tech-Lösungen illustriert. Darin zeigt sich, wo neue Rechtsdienstleistungen entstanden sind, in welche Richtung diese gehen und wo sich diese auswirken werden. Diese Entwicklungen werden sich weiter verstärken. Einige anwaltliche Dienstleistungen werden bereits zu günstigeren Preisen angeboten, weil diese so weit standardisierbar sind, dass es Software weitgehend erledigen kann. Das gilt vor allem für häufig wiederkehrende Sachverhalte, aber auch für Verträge, die inhaltlich oft einem Standard entsprechen. Oft sind es aber auch Bereiche, die als Einzelmandat nicht sehr attraktiv sind, wie etwa Ansprüche nach der Fluggastrechteverordnung. Das wird dann erst so richtig (finanziell) spannend, wenn es um die Masse von Ansprüchen geht und das geht dann nicht ohne Einsatz von Legal-Tech, also Automatisierung. Im Ergebnis sind dann solche anwaltlichen Dienstleistungen oft erheblich günstiger, finanziell risikoarm für den Betroffenen, aber insbesondere auch schneller in der Durchsetzung und einfacher in der Mandatsbegründung. Es braucht auch nicht mehr zwingend den Weg direkt zum Rechtsanwalt, was einen wesentlichen Wegfall der psychologischen Hemmschwelle, „zum Anwalt zu gehen, der mich viel kostet und von dem ich dann abhängig bin“ bedeutet. Klar abgegrenzte und transparente Leistung bei voller Kostentransparenz – das ist der Anspruch, der zu erfüllen sein wird. Gleichzeitig gibt es Anbieter, die nicht zwingend Rechtsanwält:innen sein müssen, wie Verlage, aber auch diverse Portale, die Konsumenten bei der Durchsetzung von Ansprüchen erfolgsbasiert und risikofrei helfen. In dieser Form entstehen permanent neue Geschäftsmodelle.

Aber insgesamt ist der breite Kern der klassischen rechtsanwaltlichen Tätigkeit überraschenderweise erst zart berührt.

Ist Legal-Tech für wirklich jeden relevant?

Definitiv! Legal Tech heißt ja nicht nur komplexeste Anforderungen technisch zu lösen, sondern Anpassungen können auch klein angegangen werden. Das kann zunächst bei einfachen Optimierungsmaßnahmen liegen und der Klärung der Frage: Nutze ich die vorhandenen (Software-) Ressourcen eigentlich optimal? Welche Möglichkeiten bietet meine Anwaltssoftware und nutze ich alle vorhandenen Möglichkeiten? Meine Erfahrung zeigt, dass diese Ressourcen nur zu einem Bruchteil genutzt werden.

Man darf Legal-Tech-Lösungen aber nicht als alleinige Heilsbringer hochstilisieren, denn ein ganz wesentlicher Faktor ist die Tatsache, dass Legal Tech ja nicht nur die Implementierung neuer Software sein soll, sondern gerade auch ein entsprechend neues Verständnis und Denken verlangt, dass sich nachhaltig anpassen bzw. verändern muss, sonst wird die allerschönste Legal-Tech-Lösung immer ein Fremdkörper bleiben und nicht die Effekte bringen, die eigentlich gewünscht werden. Also es müssen davor essenzielle Fragen geklärt werden, wie: Wo stehen wir als Kanzlei oder Unternehmen eigentlich? Wo soll es hingehen? Wie ist das Budget? Wie sind die Verantwortlichkeiten? Wie und wann erfolgt die konkrete Umsetzung? Wie wird die tägliche Arbeit damit konkret aussehen? Hier bedarf es einer ganz klaren Vision und auch einer Visualisierung, wie sich solch eine Implementierung im täglichen (Kanzlei)Betrieb auswirkt. Ohne der gewissenhaften Klärung dieser Fragen und einer Anpassung des Mindsets wird es schwer, diese Entwicklung nachhaltig zu implementieren.

In welchen Bereichen ist diese Entwicklung am weitesten fortgeschritten?

Natürlich haben hier international tätige Kanzleien die Nase vorn. Wie vieles kommt auch in diesem Bereich der Innovationsdruck aus dem angloamerikanischen und asiatischen Raum, insofern sind sehr große international tätige Kanzleien sehr innovationsgetrieben, hatten sich früh mit Legal Tech auseinanderzusetzen und haben dadurch enorme Effizienzvorteile. Manche haben eigene Legal Tech Hubs und Labs, wo bereits zahlreiche Legal Engineer-Teams tätig sind und neue Lösungen für die dort tätigen Rechtsanwält:Innen entwickeln bzw. gemeinsam mit Klient:innen solche entwickeln. So etwa am Beispiel der Abwehr von Massenansprüchen gegenüber Konzernen im Zusammenhang mit dem Dieselskandal oder eben Ansprüchen nach der Fluggastrechteverordnung.

Aber es gibt auch kleinere Rechtsanwaltskanzleien, wie etwa Skribe Rechtsanwälte, die die Vision des rein digitalen Arbeitens hierzulande sehr früh am Beispiel Fluggastrechte umgesetzt haben und mittlerweile auch mit einer eigens entwickelten No-Code-Plattform namens Unoy („You know why“, www.unoy.io), einer Knowledge-Applikation, den gesamten digitalen Weg, den ein Anspruch quasi „zu gehen hat“ bzw. gehen kann, abbilden. Ziel war es eine Anwendung zu schaffen, die die Transformation von Wissen ins Digitale so leicht wie möglich macht. Geht man jetzt von einer digitalen Rechtsdienstleistung wie beispielsweise der Durchsetzung von Ansprüchen nach der Fluggastrechteverordnung VO (EG) 261/2004 aus, dann beginnt alles mit der Datenerfassung auf einer Homepage (Frontend), wo die so wichtigen strukturierten Daten (Stamm- und Anspruchsdaten) erfasst und gespeichert werden. Das ist etwa mit solch einer No-Code-Plattform umzusetzen, wo man exakten Einfluss auf das Erscheinungsbild der Homepage und die Abfolge von Fragen nehmen kann. No-Code-Plattformen sind quasi selbsterklärende digitale Baukastensysteme, wofür es nicht die geringste Kenntnis von Programmierung bedarf. Deswegen No-Code. Im Wesentlichen dienen all diese Plattformen der Digitalisierung von Wissen. Getragen ist die Konzeption von Wenn-Dann-Regeln, die ich individuell nach Anforderung festlege. Ich entscheide bzw. bestimme bei der Konzeption was bei einem Imput (Angabe, Auswahl, Wert) weiter passieren soll, indem Bedingungen gesetzt werden können. Dabei steckt die rechtliche Kontrolle bzw. die richtige Subsumtion in einem mit solch einer No-Code-Plattform erstelltem Modul, dass alle erforderlichen Anwendungsfälle (aus rechtlicher Sicht) abdecken soll und im Ergebnis einen Vertrag, ein Ergebnis oder strukturierte Daten (zur Weiterverarbeitung) liefert. Es führt sozusagen die Subsumtion durch, die ich sonst als Jurist in meinem Kopf im jedem Einzelfall zu machen habe. Es gibt hier bereits zahlreiche und sehr erfolgreiche Anbieter am Markt. Die gesamte Konzeption aller am Markt erhältlichen No-Code-Lösungen haben ihr Hauptaugenmerk auf die einfache, intuitive Bedienung gelegt, was auch den enormen Erfolg dieser Plattformen erklärt. Sämtliche Anwendungen sind webbasiert, also Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS). Auch ist eine einfache Veröffentlichung im Webbrowser immer sofort möglich. Es bedarf keiner aufwendigen IT-Projekte mehr für eine Umsetzung, wo alles auf einem Code aufbauend individuell programmiert werden muss. Dadurch sinken Umsetzungszeit und Umsetzungskosten enorm.

Was können Anwendungsgebiete solcher No-Code-Plattformen sein?

Jede Form von digitalen Rechtsdienstleistungen, wie etwa die vorhin erwähnten Ansprüche nach der Fluggastrechteverordnung. Aber auch im Mietrecht, Arbeitsrecht, bei Vorsorgevollmachten, bei Verträgen etc. Überall dort wo viele standardisierte Abläufe zu finden sind. Das gilt insbesondere auch für Unternehmen, wo Bedarf an Strukturierung sich immer wiederholender Abläufe besteht, wie das auch das Erstellen von Arbeitsverträgen, NDAs, Geldwäsche-Prüfungen, oder Compliance-Regelungen usw. sein kann.

Einer der wesentlichsten Effekte der Verwendung von No-Code-Plattformen ist aber die Speicherung der Stamm- und Anspruchsdaten, die so genannten strukturierten Daten. Sie sind quasi das „digitale Gold“ in diesem Bereich. Ungeachtet der No-Code-Plattformen ist das Verständnis über die Bedeutung der strukturierten Daten im Bereich Legal-Tech äußerst bedeutsam.

Warum sind diese strukturierten Daten so bedeutsam?

Strukturierte Daten sind ideal verwendbar, weil sie eben in digitaler Form „gewonnen“ werden. Sie sind eindeutig, sofern sie korrekt eingegeben wurden. Im Regelfall muss nichts mehr nacherfasst werden. Am Beispiel der Durchsetzung eines Anspruches nach der Fluggastrechteverordnung VO (EG) 261/2004 lässt sich das einfach illustrieren. Alle Portale, die betroffenen Passagieren bei der Durchsetzung von Ansprüchen helfen, verlangen die Angabe bestimmter Daten, wie persönliche Daten (Vor- und Nachname, Kontaktdaten etc.) und sind darüber hinaus mit Flugdatenbanken verbunden, die Anspruchsdaten (Flugdaten) bereitstellen, die wiederum digital erfasst und strukturiert (an exakt vorgegebenen Stellen) gespeichert werden. Diese Daten können dann beispielsweise mittels XML einem weiteren System zur Weiterverarbeitung (strukturiert, also wie gewonnen und beabsichtigt) übergeben werden. Mit solch einem XML definiert man exakt die Stelle, an der sich eine Information befindet und gleichzeitig, an welche Stelle diese Information soll. Diese Daten werden gebündelt übergeben, wie das etwa Stammdaten (wie Vor- und Nachname, Adressdaten und Kontaktdaten) sind. Solch eine XML-Struktur bzw. Kommunikation funktioniert quasi wie ein digitaler Botendienst. Ziel solch eines definierten Endpunkts kann etwa eine Rechtsanwaltssoftware sein, wo nicht nur eine automatische Aktanlage erfolgen kann, sondern dann auch teil- oder vollautomatisiert Anspruchsschreiben, Klagen oder Schriftsätze auf Basis dieser Daten erstellt werden, was in Summe eine signifikante Arbeitserleichterung darstellt.

Verraten Sie uns, was Ihrer Einschätzung nach, die aktuell stärksten Trends im Bereich Legal Tech sind?

Man muss sicherlich zwischen kleinen und großen Organisationen unterscheiden. Da gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. Bei größeren Organisationen bzw. Kanzleien sind Collaboration-Lösungen, sichere Kommunikation, Workflow-Automatisierung und der Einsatz von Lösungen, die mit Artificial Intellligence etwa umfangreichste Textanalyse durchführen, verstärkt zu sehen. Auch Cloud-Lösungen, Cybersecurity und Blockchain sind wesentliche Themen. Egal ob groß oder klein, ein ganz wesentlicher Trend sind aber insbesondere die vorhin beschriebenen No-Code-Lösungen.

Wo liegen die Vorteile von Legal-Tech-Lösungen für Rechtssuchende bzw. Rechtsanwält:innen?

Beide Seiten profitieren dadurch enorm. Die oder der Rechtssuchende hat Transparenz, Kostensicherheit und oft eine sofortige Lösung und die Rechtsanwältin bzw. der Rechtsanwalt kann sein Wissen digitalisieren und dadurch seine Arbeit multiplizieren, ohne dass es dafür zwangsläufig gleich mehr Ressourcen bedarf. Eine Rechtsanwältin bzw. ein Rechtsanwalt hat ja auch nur 24 Stunden pro Tag, die er nicht zur Gänze verwenden wird können, also es geht um den Multiplikationsfaktor.

Auch aus psychologischen Aspekten macht Legal Tech für Rechtssuchende Sinn, denn es wird damit die Zugangsschwelle zur Hilfe durch Rechtsanwält:innen erheblich gesenkt. Der Anwaltsberuf verändert sich hier auch und Rechtsanwält:innen werden in diesen Bereichen mehr Erbringer von Rechtsdienstleistungen als Berater.

Auch Unternehmen als Mandanten profitieren von einer günstigeren und erheblich schnelleren Bearbeitung, gerade was umfangreiche und komplexe Mandate anlangt.

Wohin wird sich der Rechtsanwaltsberuf hin entwickeln?

Die Rechtsanwältin bzw. der Rechtsanwalt der Zukunft muss besser und besser den Einsatz von Legal-Tech-Anwendungen beherrschen und wird auch wesentlich häufiger Lösungen für Klient:innen über Zusammenarbeit in Teams mit Legal-Tech-Spezialisten bzw. Legal Engineers finden müssen. Nicht zuletzt deswegen hält Legal Tech auch stark Einzug in Universitäten und postgraduale Ausbildungen.

Eine hohe Spezialisierung ist immer ein Vorteil gegenüber der digitalen Konkurrenz, aber auch dort wird es im Hinblick auf den Einsatz von Legal Tech Lösungen höhere Erwartungsstandards seitens der Klientenschaft geben und wird für administrative Routinetätigkeiten, die mit Legal-Tech-Lösungen wesentlich effizienter und schneller erledigt werden können, nicht mehr in einem Umfang honoriert werden, wie man das bislang kannte bzw. üblich war. Gerade Großkanzleien, wissen das seit Jahren und sind daher gerade in dieser Hinsicht sehr innovativ.

Auch sind bereits neue Berufe, wie die des Legal Architects und des Legal Engineers entstanden, die sehr spannende Tätigkeiten sind, wie ich ja aus eigener Erfahrung berichten kann. Insgesamt bietet das Thema Legal Tech für jeden, der sich damit beschäftigt, enorme Chancen mit einem hohen Mehrwert.

Danke für das Gespräch.

 

 

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