Interview: Passt die Finanzierung zum Unternehmen?

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Durch die derzeitige Volatilität der Finanzmärkte werden langfristige Finanzierungskonzepte für Unternehmen immer mehr von Bedeutung, um die Liquidität des Unternehmens auch bei geänderten Marktbedingungen zu sichern. Dies betrifft nicht nur börsennotierte Gesellschaften sondern auch mittelständische Unternehmen.

Wirtschaftsanwaelte.at Chefredakteur Mag. Walter J. Sieberer hat Dr. Uwe Rautner in seiner neu eröffneten Kanzlei in der Wiener Innenstadt besucht. Rautner / Huber Rechtsanwälte beraten schwerpunktmäßig im Bank-, Kapitalmarkt- und Finanzierungsrecht. Durch die Finanzkrise in 2008 haben sich die Marktbedingungen für Unternehmen verschärft: Anstelle des klassischen Kredits bei der Hausbank werden immer mehr vorausschauende Finanzierungskonzepte notwendig, um eine langfristige Liquidität des Unternehmens zu sichern.

Red.: Inwieweit hat sich das Marktumfeld seit der Finanzkrise in 2008 geändert?
Rautner: Durch Verluste und Abschreibungen im Zuge der Finanzmarktkrise hat sich das Eigenkapital vieler Banken erheblich verringert. Die Kreditinstitute müssen jedoch nach den Vorgaben des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht („Basel II“) mit angemessenen Eigenmitteln ausgestattet sein. Diese Vorschriften werden durch das in Folge der Finanzmarktkrise beschlossene Reformpaket („Basel III“), das ab 2013 schrittweise in Kraft treten soll, weiter verschärft. Banken sind daher angehalten, ihre Eigenmittel zu erhöhen. Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass Banken sich entweder frisches Kapital – wie vor kurzem die UniCredit – über eine Kapitalerhöhung von der Börse holen oder eigene risikogewichtete Aktiva reduzieren müssen, indem sie sich aus bestimmten Geschäftsfeldern und Regionen zurückziehen. Dazu kommt, dass es im derzeitigen Marktumfeld für Banken immer schwieriger wird, sich selbst zu refinanzieren.

Red.: Welche Konsequenz ergibt sich daraus für Unternehmen?
Rautner: Die Kreditvergabe der Banken wird damit tendenziell restriktiver und verstärkt abhängig von der jeweiligen Bonität des Unternehmens. Es kann also auch für Unternehmen mit guter Bonität zunehmend schwieriger werden, einen steigenden Kapitalbedarf abzudecken oder bestehende Kreditlinien zu ersetzen. Gerade in diesem Marktumfeld ist es daher notwendig, rechtzeitig eine Finanzierungsstruktur zu wählen, die an die unterschiedlichen Anforderungen des Unternehmens angepasst ist und langfristig die Unternehmensliquidität sichert. Dies bedeutet, nicht alles auf eine Karte zu setzen, sondern eine Diversifizierung bestehender Finanzierungsstrukturen vorzunehmen, insbesondere dann, wenn die Bonität des Unternehmens (noch) gut ist.

Red.: An welche Finanzierungsinstrumente denken Sie?
Rautner: Die einem Unternehmen zur Verfügung stehenden Finanzierungsinstrumente hängen naturgemäß von deren Größe, Bekanntheitsgrad und Bonität ab. Als Basis für eine mittel- oder langfristige Bodensatzliquidität dient in der Regel noch immer der Bank- bzw Konsortialkredit. Börsennotierte Unternehmen greifen häufig auf Corporate Bonds zurück, aber auch hier zeigt sich eine Trendwende: Die STRABAG SE platzierte kürzlich ein Schuldscheindarlehen, um seine Finanzierungsstruktur zu diversifizieren und gegen die Volatilität des Marktes besser gewappnet zu sein. Es ist zu erwarten, dass andere Unternehmen diesem Beispiel folgen. Schuldscheindarlehen können nicht nur für börsennotierte, sondern auch für größere mittelständische Unternehmen interessant sein.

Red.: Was ist ein Schuldscheindarlehen?
Rautner: Bei einem Schuldscheindarlehen handelt es sich um ein kapitalmarktnahes Instrument: Das Unternehmen beauftragt eine Bank als Arrangeur, die das Darlehen in der Regel nicht auf die eigenen Bücher nimmt, sondern es im Wege der Abtretung bei institutionellen Investoren, wie beispielsweise Versicherungen und Pensionskassen, platziert. Dadurch kommt es zu einer Entlastung der Kreditlinien bei der Hausbank, die nicht mehr das gesamte Risiko tragen muss. Da Schuldscheindarlehen nicht an einer Börse notieren, werden – im Unterschied zur Anleihe – nur dem geschlossenen Kreis der Investoren Informationen über das Unternehmen zur Verfügung gestellt. Dies ist häufig für in der Öffentlichkeit zurückhaltend agierende Familienunternehmen von Bedeutung. Ein Schuldscheindarlehen setzt jedoch eine gute Bonität des Unternehmens voraus und ist daher rechtzeitig in das Finanzierungskonzept einzuplanen.

Red.: Welche Möglichkeiten gibt es noch?
Rautner: Ähnliches gilt für sogenannte „US Private Placements“, das sind Anleihen für institutionelle US-amerikanische „buy and hold“-Investoren, wie beispielsweise Versicherungen und Pensionskassen. Auch dieses Instrument kann für größere mittelständische Unternehmen mit guter Marktpositionierung und relativ hohem Bekanntheitsgrad interessant sein. Der Unterschied zu einer klassischen Unternehmensanleihe liegt auch hier in einem Verzicht auf ein Börsenlisting. Dabei ist weder eine Bilanzierung nach US-GAAP noch nach IFRS erforderlich und es besteht keine Prospektpflicht. Ein externes Rating wird ebenfalls nicht benötigt. Die Emission erfolgt in der Regel in US-Dollar. Durch einen Cross-Currency-Swap kann das Unternehmen jedoch so gestellt werden, dass es wirtschaftlich den Emissionserlös in Euro erhält sowie Zins und Tilgung in Euro bezahlt.

Red.: Was machen Non-Investment-Grade Unternehmen?
Rautner: Bei Non-Investment-Grade Unternehmen ist neben den klassischen Finanzierungsinstrumenten oft der Einsatz von zusätzlichem Eigen- oder Hybridkapital unumgänglich. Dabei sind individuell zugeschnittene Mezzanine-Finanzierungen über private Investoren denkbar, um den Eigenkapitalbedarf abzudecken. Auch die Hereinnahme eines Finanzinvestors im Rahmen einer Kapitalerhöhung mit Bezugsrechtsausschluss kann eine Option sein.

Red.: Wie wichtig sind transaktionsbezogene Finanzierungsquellen?
Rautner: Durch ein effizientes Working-Capital-Management kann die Liquiditätssituation des Unternehmens erheblich verbessert werden. Ein beliebtes Instrument diesbezüglich ist das Factoring (Forderungsverkauf): Durch die erhöhte Liquidität können Verbindlichkeiten reduziert, die Bilanz verkürzt und das Rating verbessert werden. Neben dem Factoring wird auch Supply-Chain-Finance immer bedeutender. Darunter sind auf das jeweilige Geschäftsmodell zugeschnittene Finanzierungsmodelle unter Berücksichtigung der gesamten Wertschöpfungskette, das heisst sowohl der Kunden als auch der Zulieferer, zu verstehen. Diese Finanzierungsformen eignen sich neben Asset-Backed-Securities-Finanzierungen (ABS) und Leasing sehr gut zur Ergänzung bestehender Finanzierungen und zur Liquiditätssteigerung des Unternehmens.

Red.: Wie sollten Unternehmen nun vorgehen?
Rautner: Eine mangelnde Diversifizierung der Finanzierungsstruktur eines Unternehmens kann hinsichtlich der Verfügbarkeit von Liquidität in schwierigen Marktphasen mit erheblichem Risiko verbunden sein. Bei einer Abhängigkeit des Unternehmens von sehr wenigen Kreditgebern können sowohl Schwierigkeiten der Bank als auch vorübergehende Probleme des Kreditnehmers zu nur schwer kontrollierbaren Finanzierungsengpässen führen. Es ist daher empfehlenswert, im Vorfeld eine langfristige Finanzierungsstruktur zu wählen, die auf die Geschäftstätigkeit des Unternehmens zugeschnitten ist und die durch die Diversifizierung bestehender Finanzierungsinstrumente eine Optimierung und Sicherstellung der zukünftigen Liquiditätssituation des Unternehmens erreicht.

Red.: Danke für das Interview.

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